Aussage der Mutter unwahrscheinlich

mr. ? So ganz verwundert waren die Prozessbeteiligten nicht, als der Vorsitzende Richter Berend Appelkamp gestern morgen im Landgericht Stade bekannt gab, dass Leons Mutter Marina K., wichtige Zeugin im Prozess gegen Remo M., nicht erscheinen würde. Per Fax hatte die Ärztin einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie die Bescheinigung übermittelt, die junge Frau leide unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die eine Aussage unmöglich mache. Die Verhandlungsunfähigkeit könne durchaus drei bis sechs Monate dauern. Für das Gericht war nun die Frage: Was tun ? auch angesichts der weiter andauernden Untersuchungshaft für den 23-jährigen Cuxhavener? Berend Appelkamp machte deutlich, dass Marina K. ? ebenfalls Nebenklägerin ? eine wichtige Zeugin sei, aber Zeugen eben manchmal unerreichbar blieben. Für diesen Fall sei auch das Verlesen einer Niederschrift oder eine schriftliche Äußerung zulässig. Das Gericht einigte sich darauf, die 20-Jährige, die Ende März ihr zweites Kind (Vater soll Remo M. sein) geboren hat und in einer Mutter-Kind-Einrichtung lebt, am 5. Mai nochmals vorzuladen; sollte sie nicht erscheinen, sollen ihre bisher festgehaltenen Aussagen vorgelesen werden. Ein weiteres Herauszögern wollte Richter Appelkamp verhindern: "Wir können uns nicht mit dem Verlesen von Urkunden über die Zeit retten.? Die Rolle sowohl der Mutter als auch des Stiefvaters im Umgang mit dem Baby spielte gestern eine wichtige Rolle bei den Zeugenbefragungen. Sie habe oft gesehen, wie Leon von beiden etwas auf die Finger bekommen habe, berichtete eine Freundin. Zudem habe er wenig zu essen bekommen. Als er eines Abends geweint und sie gefragt habe, ob er Hunger habe, habe es von der Mutter geheißen: "Nein, der bekommt abends keine Flasche mehr.? Da sie sich angesichts vergammelter Gläschen und Fläschchen Sorgen um Leons Ernährung gemacht habe, sei sie mit Fotos davon zum Jugendamt gegangen. Das Baby habe viel im Laufgitter oder Bettchen gelegen, auch wenn es geweint habe. Sie selbst, so berichtete die 15-Jährige, habe Leon oft über das Wochenende zu sich mitgenommen, Remo M. habe das nach seinem Einzug dann nicht mehr gewollt. Der Richter sprach die Zeugin auch auf eine frühere Aussage an, bei der sie berichtet hatte, die Mutter habe Leon einmal zu Boden geworfen. Das bestätigte die Zeugin. Grund sei ein Streit um Chat-Bekanntschaften im Internet gewesen. Remo M. habe sich viel um Leon gekümmert, aber auch des öfteren erklärt, wie der ihn nerve. Alkohol habe er reichlich getrunken. Kripobeamte übernahmen kurz nach der Festnahme von Remo M. und Marina K. in der Nacht zum 4. Oktober die Beschuldigtenvernehmungen. Die Mutter, die kurz nach Mitternacht vernommen worden sei, habe gar nicht realisiert, was passiert sei, berichtete ein Mitarbeiter des Polizeikommissariats. Da man sich zufällig von einer vorherigen Tat, bei der Marina K. Opfer gewesen sei, kannte, habe diese gesagt: "Wenn ich gewusst hätte, dass Sie hier sind, hätte ich einen Kuchen gebacken.? Sie habe viel gelacht, sei dann wieder ins Weinerliche verfallen, habe in ihrer Naivität wie ein Schulmädchen gewirkt. Auch die ganze Bandbreite der Variationen von Remo M. über den Tathergang schilderten der Kripobeamte und seine Kollegin. In einer ersten Version habe dieser dargestellt, er sei zur Toilette gewesen, als er ein dumpfes Geräusch aus dem Wohnzimmer gehört und Leon auf dem Boden zwischen Sofa und Tisch gefunden habe. Als die Beamten das Ergebnis der Obduktion auf den Tisch bekamen und den Angeklagten sofort mit der Schwere der Verletzungen konfrontierten, habe dieser angegeben, Kot sei aus Leons Windel gequollen und aufs Sofa geraten, da habe er geschrien "Was soll die Scheiße hier? und habe dem Kleinen einmal gezielt in den Bauch geschlagen. Leon sei aufgewacht, habe ihn groß angeschaut und sei dann mit dem Kopf auf die Tischkante geschlagen. Ein anderes Mal soll Leon nach einem Stoß vom Sofa gefallen sein. Bei der richterlichen Vernehmung gab der Angeklagte dann Wut über eine Szene im Fernsehen an, bei der er Leon versehentlich getroffen habe. Zweimal fuhren die Beamten dann noch in die Justizvollzuganstalt Oldenburg ? vor allem nachdem der vollständige Obduktionsbericht vorlag, der verheerende Verletzungen aufzählte. "Es war zu erkennen, dass er immer eine neue Erklärung auf jede Vorhaltung hatte?, so der Eindruck des Beamten. Der Angeklagte sei sehr berechnend, knapp und emotionslos aufgetreten ? "außer wenn es um ihn selbst ging.? "Kalte Aggression? sei bei der letzten Vernehmung aufgefallen: Remo M. habe sich über den neuen Lebensgefährten von Marina K. geärgert und festgestellt: "Gut, dass ich hier bin, sonst würde etwas passieren.? Die Aussagen im medizinischen Gutachten über Leons Verletzungen habe der Angeklagte in Frage gestellt. Beim nächsten Termin am 5. Mai ist mit den Plädoyers zu rechnen. Am 7. Mai plant Richter Berend Appelkamp dann die Urteilsverkündung.
Ihre Stimme wird übermittelt
0 Person(en) finden das lesenswert
Diesen Artikel mit drei Klicks bewerten

Sie können entweder einem Wort drei Stimmen geben oder Ihre drei Stimmen auf verschiedene Wörter verteilen.

  1. Artikel bewerten
  2. Ergebnis ansehen

altbekannt brisant ergreifend informativ mehr davon typisch wichtig